Freiheit und Demokratie müssen gebildet werden
Literarische Zukunftsgespräche im Neusiedler Weinwerk: Andrea Lehner-Hartmann und Lukas Pallitsch diskutierten anhand von Lea Ypis Bestseller „Frei“ über das westliche Freiheitsversprechen sowie über die Zukunft von Demokratie und Religion.
NEUSIEDL AM SEE – Der Zusammenbruch totalitärer Regime hinterlässt selten ein Paradies, meist eher eine Orientierungslosigkeit. Als 1990 in Albanien die stalinistische Diktatur implodierte, triumphierten im Westen die Erzählung vom „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) und der Glaube an den automatischen Gleichschritt von Marktwirtschaft und Freiheit. Dass dieses Versprechen für viele in einer existenziellen Enttäuschung mündete, stand im Zentrum des Herbst-Saisonauftakts der „Literarischen Zukunftsgespräche“ im Weinwerk Neusiedl am See.
Mit der Veranstaltung ging die Reihe in ihre dritte Runde des heurigen Jahres: Nach den Abenden im Frühjahr – im Februar mit Martin Jäggle über Amos Oz’ „Judas“ und im April mit Wolfgang Treitler – markierte das Gespräch über Lea Ypis autobiografischen Bestseller „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“ die Fortsetzung des erfolgreichen Formats.
Die Reihe wurde von dem Literaturwissenschaftler und Theologen Dr. Lukas Pallitsch initiiert, der sie auch inhaltlich verantwortet und moderiert. Sie findet als Kooperationsprojekt zwischen Pallitsch und der Katholischen Erwachsenenbildung der Diözese Eisenstadt statt und wird von der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) gefördert. Gemeinsam mit Univ.-Prof. Lehner-Hartmann zog Pallitsch die großen Linien des Romans von Lea Ypi nach, um auf dieser Grundlage dann die wichtigen Themen von Freiheit, Demokratie und Religion in unsere Zeit und Gesellschaft zu übersetzen.
Das „gefroren servierte Gericht“ der Freiheit
Pallitsch führte zunächst in die Erzählwelt von Ypis Roman ein. In diesem Buch schildert Ypi das Aufwachsen im letzten stalinistischen Außenposten Europas aus der Perspektive eines Kindes, für das die Diktatur – geprägt von Geheimpolizei, Lagern und Mangelwirtschaft – zunächst unhinterfragte Normalität war. Die Wende 1990 entpuppte sich nicht als lineare Befreiung, sondern als Sturz in einen unregulierten Kapitalismus, der 1997 in einem verheerenden Bürgerkrieg gipfelte.
„Der Roman zeigt mit literarischer Präzision, wie die Freiheit, als sie endlich kam, zu einem ‚gefroren servierten Gericht‘ wurde: Man kaute wenig, schluckte hastig und wurde nicht satt“, führte Pallitsch aus. Freiheit habe sich für Hunderttausende als neue Form der Unfreiheit, der Arbeitslosigkeit und der Entwürdigung manifestiert. Der Roman schildert, wie tausende Menschen in überfüllten Flüchtlingsbooten nach Bari wollten, doch die gestrandeten Passagiere vom Westen bald als unerwünschte „Wirtschaftsflüchtlinge“ abwies.
Negative versus positive Freiheit: Die Würde bleibt unverhandelbar
Andrea Lehner-Hartmann, die Albanien unlängst bereiste, hob die im Roman aufeinandertreffenden Freiheitsbegriffe hervor. Während die Mutter Freiheit rein „negativ“ als Abwesenheit staatlicher Bevormundung begreife, plädiere der Vater für eine „positive“ Freiheit, die verlässlicher sozialer Strukturen bedürfe, um Handlungsspielräume erst realisierbar zu machen.
Besondere Beachtung schenkte Lehner-Hartmann der Figur der Großmutter Nini, die nach Enteignung und politischer Verfolgung die moralische Autonomie verteidigt: „Freiheit bedeutet hier, sich der Notwendigkeit bewusst zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Man kann einem Menschen Hab und Gut nehmen, aber nicht seine Würde.“ Diese Haltung zeige, dass Freiheit weder vererbt noch passiv konsumiert werden könne, sondern eine innere Haltung des Widerstands gegen jede Form von Entmündigung verlange.
Demokratiebildung als gesamtgesellschaftliche Pflicht
Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Polarisierungen und dem Erstarken rechtsextremer Tendenzen in Europa zogen Pallitsch und Lehner-Hartmann eine deutliche Parallele zur Gegenwart. Demokratie sei kein historischer Automatismus: „Demokratie ist kein statischer Besitzstand. Das Gefährliche an ihr ist, dass man sie mit ihren eigenen Mitteln abschaffen kann. Sie muss tagtäglich neu erlernt und ausgehandelt werden.“
Demokratie müsse eben gebildet werden. Lässt sich der Roman auch als Bildungsroman lesen? Im Gespräch plädierten Pallitsch und Lehner-Hartmann jedenfalls für ein „transformatives Bildungsverständnis“ in der Tradition Wilhelm von Humboldts. Bildung dürfe nicht auf funktionales Verwertbarkeitswissen oder Bildungsbürgertum reduziert werden. Vielmehr ereigne sich Bildung in Krisen: Sie beginne dort, wo eigene Denkmuster erschüttert werden, wo Irritation zugelassen und die Perspektive des Anderen erlernt werde. „Dann ließe sich der Roman von Ypi als Bildungsroman gut lesen“, so Pallitsch, „weil auch im Buch eine Welt erschüttert wird und die Figur ihr gesamtes Weltverhältnis neu ausrichtet.“ Das gilt es auch heute zu bedenken: „Wer die Geisteswissenschaften zugunsten reiner Nützlichkeitsfächer schwäche, beraube die Gesellschaft ihrer ethischen und demokratischen Urteilskraft.“
Glaube gegen falsche Sicherheiten
Auch die Rolle der Religion in krisenhaften Umbrüchen wurde eingehend beleuchtet. In Albanien, dem ersten staatlich verordneten „atheistischen Staat“ der Welt, erlebten Kirche und Moschee nach 1990 eine Renaissance als Symbole des überstandenen Widerstands gegen totalitäre Unterdrückung.
Für westliche säkulare Gegenwarten warnte Lehner-Hartmann jedoch vor einer Religion, die sich in wohlfeilen Vertröstungen erschöpft: „Wir brauchen eine gebildete, reflektierte Religion. Die vorschnelle Rede vom ‚lieben Gott, der alles gut macht‘, überdeckt existenzielle Abgründe. Echter Glaube muss Zweifel aushalten, falsche Sicherheiten entlarven und den Blick für das Leiden anderer schärfen – ganz im Sinne einer politischen Theologie der Mitleidenschaft.“ Anerkennung und unverzagte Hoffnung – jenseits naiver Illusionen – seien die beiden unverzichtbaren Pfeiler eines gelingenden Lebens.
Im Anschluss nutzten die Gäste bei burgenländischem Wein und persönlichen Gesprächen am Büchertisch des MartinsShop (Buchhandlung der Diözese Eisenstadt) die Gelegenheit zum regen Gedankenaustausch.
Die Reihe Literarische Zukunftsgespräche im Weinwerk Neusiedl am See wird am 3. Dezember 2026 mit Univ.-Prof. Dr. Martin Stowasser fortgesetzt, der das Lukasevangelium aus bibelwissenschaftlicher und antiker Perspektive beleuchtet. Im Frühjahr 2027 folgen Abende mit Univ.-Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder („Gotland“ von Michael Stavarič) und Univ.-Prof. Dr. Regina Polak („Nach der Flucht“ von Ilija Trojanow).
Vorschau: Die nächsten Termine der Reihe im Überblick
Dr. Lukas Pallitsch im Gespräch mit:
· 3. Dezember 2026:
Univ.-Prof. Dr. Martin Stowasser über das Weihnachtsevangelium (Lk 2,1-21)
· 4. Februar 2027:
Univ.-Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder über das Buch „Gotland“ von Michael Stavarič.
· 9. April 2027:
Univ.-Prof. Dr. Regina Polak über Ilija Trojanows „Nach der Flucht“.
(Jeweils um 19 Uhr im Weinwerk Burgenland, Neusiedl am See)
Details unter: www.martinus.at/literatur
