2. Jennersdorfer Friedenstagung
Verschiedene Kettenreaktionen
Oppenheimer (Christoper Nolan, 2023) ist kein Unterhaltungsfilm. Die Biographie des „Vaters der Atombombe“ ist ein packendes Verwirrspiel und stellt das Kinopublikum vor die Frage: „Welche Haltung braucht es, wenn solche Waffen eingesetzt werden?“ In der Nachbesprechung legte Prof. Palaver die Erzählstränge des Filmes auseinander und rekonstruierte historische Fakten. Die TeilnehmerInnen kreisten auch um den Schock, den die Atombombenabwürfe – nicht nur in Japan – ausgelöst haben und näherten sich mit dem Referenten an das Gefährdungspotential heran, das mit den heutigen neun Atommächten gegeben ist.
Wenn in unserer Zeit die Rüstungsausgaben immer weiter in die Höhe geschraubt werden, scheinen jene Stimmen, die diese Politik hinterfragen, ungehört zu verklingen. Im Workshop am Samstag legte Prof. Palaver in sechs Schritten vor, wie Alternativen zu dieser Aufrüstungslogik aussehen können. Basis seines Befundes ist eine empirische Studie, die in mehr als 300 untersuchten Fällen (1940 – 2006) aufzeigt, das gewaltfreie Verteidigung effizienter und nachhaltiger ist! Das elektrisierte förmlich viele TeilnehmerInnen und ihre schnellen Einwürfe und Fragen irritierten zunehmend den Referenten. Werden Fakten angezweifelt oder Denkmodelle? Unserer Gruppe wurde klar, dass der Weg zum Frieden viele Hindernisse zu überwinden hat. Es geht um Vertrauen und um Geduld, damit Tatsachen sichergestellt und Missverständnisse ausgeräumt werden können. Nach dieser 20-minütigen „Extrameile“ wuchs das Bedürfnis, Schritt für Schritt vorzugehen.
Jenseits einer realitätsfremden Parole „Frieden schaffen ohne Waffen“ propagiert Palaver eine „voranginge Option für Gewaltfreiheit“. Ein Prozess, der langfristig angelegt, der eingeübt und vorgelebt werden muss. Daraus sollen ein paar Schlüsselszenen herausgegriffen werden:
- An Jesus ist – wie in die vier Evangelien darstellen - keinerlei Schwäche oder Passivität erkennbar (Gandhi). D. h., er ist kein sanftmütiger Leisetreter, der empfiehlt alles hinzunehmen.
- Die schwierige, ja eigentlich missverständliche Stelle in der Bergpredigt: „leistet dem Bösen keinen Widerstand“ und „halte auch die andere Backe hin“ (Mt 5,39) braucht die Deutung, die Jesus in seine Worte und Handlungen hineingelegt hat: weder aktive Gegengewalt noch völlige passive Hinnahme führen aus der Gewaltspirale! Ein dritter Weg ist gefordert (wo Feigheit keinen Platz hat), sondern kämpferische (die eigene Würde verteidigende) Gewaltfreiheit!
- „Gewalt ist ansteckend wie Cholera“ (F. Hacker). „Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52 ). Mit dieser Warnung ist Jesus nicht allein. Auch Gandhi mahnte davor, die Gewalt der Angreifer zu spiegeln. Schließlich urteilte René Girard: Gewalt und Krieg tendieren zum Äußersten!
- Kirche und Staat haben unterschiedliche Aufgaben. Das Gewaltmonopol des Staates wird nicht in Frage gestellt. Bibel/Kirche bleiben nicht bei einem „Mehr an Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Versöhnung“ stehen, sondern verkünden den messianischen Frieden.
Nach diesen Darlegungen von Prof. Palaver wuchs der Wunsch, an diesen Alternativen dran zu bleiben. (Mit der Jennersdorfer Zukunftstagung im nächsten Jahr könnte das auch gelingen.)
Zum Abschluss ließen sich alle auf ein „Friedensritual“ am Mutter Teresa Platz ein. Eine kleine Schlagwerkgruppe der Musikschule Jennersdorf - dazu Gebet, Impuls und Segen -brachten die Bitte um Frieden hörbar in die Öffentlichkeit, vertieften aber auch den eigenen Herzenswunsch.
Was in die Hoffnung hineinführt, hilft der Gerechtigkeit und dem Frieden. Die Kettenreaktionen, die durch den Einsatz der Atomwaffen in Gang gesetzt werden, stehen uns äußerst bedrohlich vor Augen. Aber die Kettenreaktionen, die durch Gewaltfreiheit ausgelöst werden, sollen uns noch viel mehr beschäftigen.
Mit besten Dank an:
- Vorbereitungsgruppe Jennersdorf
- vhs Burgenland (GF Ursula Foki)
- Univ. Prof. Dr. Wolfgang Palaver (Jenbach)
- Fotoclub „Die Bildermacher“
- Fotoclub VHS Güssing
- Schlagwerkgruppe der Zentralmusikschule Jennersdorf (Simon Meitz)
Willi Brunner
Forum Kath. Erwachsenenbildung
Region Süd
Univ. Prof. Dr. Wolfgang Palaver
studierte Religionspädagogik, Germanistik und Politikwissenschaft. Er lehrte bis 2023 Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Innsbruck.
Der international anerkannte Experte für die Erforschung der Zusammenhänge von Gewalt bzw. Gewaltlosigkeit und Religion absolvierte Forschungsreisen in die USA und nach Südafrika, um sich intensiv mit den Lehren der Friedenskämpfer Mahatma Gandhi und Nelson Mandela auseinander zu setzen.
Palaver ist Präsident von Pax Christi Österreich
Literatur:
Wolfgang Palaver, Für den Frieden kämpfen. In den Zeiten des Krieges von Gandhi und Mandela lernen. Tyrolia Innsbruck 2024
