50 Jahre sind nicht genug
Für Mike Schalling (66) sind die Passionsspiele ein Fixpunkt – und das seit Jahren. Wie er sie angeht und weshalb er sich keine grauen Barthaare wachsen lässt, erzählt er in einem von Christoph Erben aufgezeichneten Gespräch.
„Vor 50 Jahren habe ich das erste Mal hier mitgewirkt“, erinnert sich Mike Schalling und wandert über die Probebühne in Pfarrsaal von St. Margarethen. „Das fühlt sich für mich an wie eine halbe Ewigkeit.“ Der frühere Amtsleiter von St. Margarethen kennt nicht nur die Passion, sondern auch seine Gemeinde sowie ihre Bewohner:innen wie seine Westentasche. Von den 2800 Bewohnern sind rund 400 bei den Spielen immer wieder dabei.
Mike Schalling: Dass ich heute mit meinen 66 Jahren zu den älteren Darstellern im Ensemble gehöre, stört mich nicht. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Ursprünglich komme ich aus Eisenstadt. Da meine Freunde immer in den Steinbruch zu den Passionsspielproben gefahren sind, wurde ich neugierig und besuchte sie regelmäßig. Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich mitwirken möchte. So kam es, dass ich bereits 1976 meine erste Sprechrolle als Gastgeber des letzten Abendmahls in Bethanien bekam. Ich bin aber nicht der Einzige, der von außerhalb kommt. Rund zehn Prozent der Mitwirkenden wohnen nicht im Ort, aber sie haben einen Bezug zu ihm. Einige reisen sogar aus Wien an. (Mike Schalling wandert durch den Pfarrsaal, der nur in der kalten Jahreszeit zur Bühne wird.)
Zwei Mal pro Woche proben wir hier unter der Woche. Sobald es die Witterung zulässt, sind wir im Steinbruch. Zehn Stunden pro Woche können es in Summe schon werden; besonders dann, wenn man eine Hauptrolle übernimmt, für die ich mir gerne auch einen Bart wachsen lasse.
Im Jubiläumsjahr 2026 spiele ich den Evangelisten Johannes, der gemeinsam mit Maria Magdalena und anderen 20 Jahre nach den Ereignissen im Exil damit beginnt, seinen Bericht über die Ereignisse um Jesus niederzuschreiben. Wie bereite ich mich auf die Proben und Aufführungen vor? In dem ich meinen Text und die Stichwörter auf Band spreche und durch mehrmaliges Wiederholen einlerne. Lampenfieber habe ich keines. Wichtig sind natürlich auch die gemeinsamen Proben im Steinbruch, damit man sich die Wege und die Interaktionen einprägen kann. Es sind aber nicht alle Darsteller bei jeder Probe dabei. Denn es hängt davon ab, welche Szenen gerade mit dem Regisseur durchgegangen werden. Ein Urlaub geht sich während der Probezeit nur schwer aus. Den verschieben wir nach die 17 Aufführungen, die von Ende Mai bis Anfang Juli stattfinden.
Die Passionsspiele sind für mich wie eine große Familie – mit allem, was dazugehört. Es gibt daher nicht nur Sonnenseiten, sondern auch Meinungsverschiedenheiten, die unter allen aber gut gelöst werden. Der Zusammenhalt ist daher immer spür und erlebbar.
Eine Aufführung dauert mit Pause etwa drei Stunden. Was wir merken, ist, dass die Geschichte nicht mehr jedem bekannt ist. Während man früher davon ausgehen konnte, dass jede und jeder das Geschehen kennt, ist das heute anders. Darauf nehmen wir Rücksicht und erläutern in der Rahmenhandlung die folgenden Szenen. Nein, ein Spieljahr ohne Passion kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. (Mike Schalling dreht das Licht ab und sperrt die Tür des Pfarrsaals wieder zu). Ich werde daher solange mitspielen, wie mich meine Füße tragen. Und das soll noch eine Weile so sein. Weil: 50 Jahre sind nicht genug.