Seitenbereiche:
07.10.2026
Bildung

Freiheit und Demokratie müssen gebildet werden

Das Weinwerk Burgenland in Neusiedl am See war Schauplatz des Herbst-Auftakts der "Literarischen Zukunftsgespräche". Nach erfolgreichen Abenden im Frühjahr standen diesmal Lea Ypis Bestseller "Frei" sowie eine hochaktuelle Debatte über Demokratie, Bildung und gesellschaftlichen Wandel im Mittelpunkt.

 

Mit der Diskussion ging die hochkarätig besetzte Reihe in ihre dritte Runde des heurigen Jahres: Nach den Veranstaltungen im Februar (mit Martin Jäggle über Amos Oz’ "Judas") und im April (mit Wolfgang Treitler) markierte der Abend den gelungenen Saisonauftakt in den Herbst. Initiiert und inhaltlich verantwortet wird das Format von Literaturwissenschaftler und Theologen Dr. Lukas Pallitsch in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung der Diözese Eisenstadt und gefördert durch die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB). Zu Gast war diesmal Univ.-Prof. Dr. Andrea Lehner-Hartmann, Religionspädagogin und Dekanin an der Universität Wien.

 

Vom stalinistischen Außenposten zur harten Landung im Kapitalismus

Ausgangspunkt des Abends war Lea Ypis autobiografischer Roman "Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte". Die albanisch-britische Philosophin schildert darin ihre Kindheit im stalinistischen Albanien und die Ernüchterung nach dem Umbruch 1990.

"Das Buch zeigt eindrücklich, dass das Ende einer Diktatur nicht automatisch im Paradies mündet. Freiheit kam für viele Menschen wie ein gefroren serviertes Gericht: Man kaute hastig, wurde aber nicht satt", fasste Lukas Pallitsch die historische Wende zusammen, die in Albanien rasch von Arbeitslosigkeit, Massenflucht und Chaos abgelöst wurde.

 

"Demokratie kann sich selbst abschaffen"

Andrea Lehner-Hartmann, die Albanien vor Kurzem selbst bereiste, knüpfte daran eine deutliche Warnung für die Gegenwart an: "Freiheit bedeutet mehr als nur die Abwesenheit staatlicher Regeln. Sie braucht soziale Bedingungen und Gerechtigkeit, damit Menschen ihr Leben tatsächlich gestalten können."

Mit Blick auf weltweite Krisen und politische Polarisierungen mahnte die Universitätsprofessorin zur Wachsamkeit: "Demokratie ist kein Besitzstand, den man einmal erreicht und für immer behält. Sie kann mit ihren eigenen demokratischen Mitteln abgeschafft werden. Demokratie muss jeden Tag neu gelernt, ausgehandelt und gelebt werden."

Im Laufe des Gesprächs wurde man sich rasch einig: Es brauche ein lebendiges Bildungsverständnis, das Menschen befähige, Krisen standzuhalten und andere Perspektiven einzunehmen. Spannend war auch ein weiterer Aspekt: Albanien war einst ein atheistischer Staat, Religion war verboten. Heute sieht dies anders aus. Mit Blick auf die Zukunft von Religion waren sich Lehner-Hartmann und Pallitsch einig: Es brauche einen reflektierten Glauben, der existenzielle Hoffnung schenkt, anstatt vorschnell zu vertrösten.

 

Gelungener Austausch im Weinwerk

Im Anschluss nutzten die zahlreichen Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, bei burgenländischem Wein und am Büchertisch des MartinsShops (Buchhandlung der Diözese Eisenstadt) persönlich mit den Vortragenden weiterzudiskutieren.

 

Vorschau: Die nächsten Termine der Reihe im Überblick

Dr. Lukas Pallitsch im Gespräch mit:

  • 3. Dezember 2026: Univ.-Prof. Dr. Martin Stowasser über das Weihnachtsevangelium (Lk 2,1-21)
  • 4. Februar 2027: Univ.-Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder über das Buch "Gotland" von Michael Stavarič.
  • 9. April 2027: Univ.-Prof. Dr. Regina Polak über Ilija Trojanows "Nach der Flucht".

(Jeweils um 19 Uhr im Weinwerk Burgenland, Neusiedl am See)

 


 

Link

 

Details unter: www.martinus.at/literatur