Ökumenischer Passionsgottesdienst
Predigt von Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics beim ökumenischen Passionsgottesdienst in Kukmirn am 27. März 2026.
Das biblische Wort für meine Predigt ist aus den Abschiedsreden des Evangelisten Johannes entnommen, aus dem 14. Kapitel, Vers 27. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ Mit diesen Worten verheißt Jesus den Glaubenden – dem Einzelnen wie der Kirche als Gemeinschaft – den Geist und schenkt den Frieden.
Der Blick in unsere kleine und große Welt zeigt uns da etwas anderes – eine aus den Fugen geratene Welt, Krieg in der Ukraine, in Europa, im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt, Nachrichten von Gewalt, Hass, Terror, Vertreibung, Verfolgung, unversöhnliche Debatten in und zwischen den Kirchen sowie in unserer Gesellschaft, und oft auch Unruhe im eigenen Herzen. Das Wort „Frieden“ klingt da wie eine ferne Sehnsucht, Utopie oder gar wie ein zynischer Witz. Wieviel Leid u. Not wurde in der Geschichte und wird bis heute durch sinnlose Kriege, Unfrieden, Hass, Terror, Gewalt, Unversöhnlichkeit und Spaltungen angezettelt, sei es zwischen Familien, Volksgruppen und ganzen Völkern, Kulturen, Konfessionen und Religionen! Gerade unser Burgenland und unser pannonischer Raum kann davon ein trauriges Lied singen, vor allem im Blick auf die Volksgruppen – ich denke da besonders an die Juden u. Roma – und an die Ökumene. Gott sei Dank, haben wir es geschafft, vom Gegeneinander und Nebeneinander zu einem Miteinander und Füreinander zu gelangen. Das ist kein fertiges Produkt. Das ist u. bleibt für uns ein Dauerauftrag, denn Friede beginnt immer im eigenen Herzen und Haus. Ein solcher gemeinsamer ökumenischer Passionsgottesdienst wäre noch vor nicht allzu langer Zeit nicht möglich gewesen. Heute ist er gelebte Wirklichkeit und für viele eine Selbstverständlichkeit – Gott sei Dank! Als kath. Bischof möchte ich bewusst Dir, lieber SI Robert sowie allen in der Leitung der Evgl. Kirche und in den Pfarren, für die geschwisterliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Herzen danken! Die Ökumene bei uns im Burgenland ist Vorbild für Österreich, auch für die Welt! Wir dürfen stolz darauf sein, aber im Bemühen um die volle Einheit in „versöhnter Verschiedenheit“ nicht nachlassen – denn wie sagt das Sprichwort: der Teufel schläft nicht!
Was ist Frieden?
Das Wort vom Frieden durchzieht die ganze Bibel. Die Sehnsucht nach Frieden kennt keine konkrete Zeit. Der Friede ist ein Aufschrei aller Generationen und aller Menschen. Der Friede ist die Sehnsucht der Jungen und der Alten, der Staaten und Völker, der Kirchen und Kulturen. Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg.
„Der Friede sei mit euch“
ist die Osterbotschaft des Auferstandenen. In allen Begegnungen mit den Frauen und Männer, mit den ersten Zeugen von Ostern und mit vielen österlichen Zeugen bis heute ist und bleibt diese Urbotschaft des Auferstandenen die große Verheißung für alle, die im Kreuz das Leben erkennen. Hier in der evangelischen Kirche von Kukmirn zeigt das Altarbild den Gekreuzigten und sagt uns, dass der Karfreitag und der Ostersonntag die Wirklichkeit Gottes sind, die er uns nicht vorenthält oder erspart. Jesu Tod am Kreuz schafft Frieden. Der Glaube an Jesus baut Frieden. Das Kreuz des Karfreitags heilt die Wunden des Unfriedens und die Begegnung mit dem Auferstandenen am Ostertag schafft Frieden.
Was ist der Friede dieser Welt?
Der Friede der Welt ist unser Streben nach Sicherheit durch Macht, Geld u. Erfolg. Dieser Friede ist brüchig. Er hält nur so lange, wie wir stark genug sind.
Was ist der Friede Jesu?
Jesu Friede ist anders. Er kommt von innen. Er ist ein Geschenk, das unabhängig von äußeren Umständen Bestand hat. Es ist der Friede, der sagt: „Auch wenn alles um mich herum tobt, mein Herz darf bei Gott ruhig sein. Das heißt nicht, dass wir gleichgültig sind. Es heißt, dass wir keine Angst haben müssen, handlungsfähig zu bleiben.“ Der Friede, den Jesus gibt, meint das alte „Schalom“ Heil, Gerechtigkeit, Ganzheit, Wohlbefinden. Es ist eine Atmosphäre, in der Menschen ohne Angst leben können. Wahrer Frieden bedeutet also, dass Gerechtigkeit und Frieden immer zusammengehören. Frieden fängt bei mir an, er fängt im Kleinen an hier in Kukmirn, wenn ich mutig handle. Es ist leicht über den Weltfrieden zu sprechen, aber schwer, im Alltag den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen. Frieden bedeutet, dort Liebe zu üben, wo gehasst wird. Frieden bedeutet, das Gespräch zu suchen, wo Unversöhnlichkeit herrscht. Frieden bedeutet, die Götter von Macht, Gier, Gewalt zu hinterfragen. Christen sind berufen, „Friedensstifter“ zu sein. Das erfordert Mut. Es erfordert, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich für die Säulen des Friedens – Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Freiheit – im Alltag einzusetzen. Diese Säulen sind heute brüchig geworden!
Der Friede von Gott ist ein Geschenk – es ist der wahre Schalom. Wir können ihn geschenkt bekommen, wenn wir die alten „Werke der Barmherzigkeit“ leben. Diese hat der kürzlich verstorbene Bischof von Erfurt Joachim Wanke ins heute übersetzt u. sie uns ans Herz gelegt. Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu. Also nicht ausgrenzen! Ich höre dir zu. Also nicht Taubheit und sich Verschließen! Ich rede gut über dich. Also keine Fake News! Ich gehe ein Stück mit dir. Also kein Alleingang! Ich teile mit dir. Also nicht Egoismus, Profit und Gier! Ich besuche dich. Also nicht Isolation, Rückzug, Gleichgültigkeit! Ich bete für dich. Also nicht Gottlosigkeit, mit Gott, für die Menschen!
Weil der Friede bei Dir und bei mir beginnt, verwirklichen wir diese alten Werke der Barmherzigkeit im Alltag. Dann wird es bei uns und in der Welt Frieden geben. Ich wünsche uns dazu viel Mut und Geduld!
Mit Franz von Assisi bitten wir: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens!“ Und ich füge hinzu: „Herr, stoppe den Wahnsinn des Krieges und befreie die Ukraine, den Nahen Osten u. alle Länder in denen Krieg ist von dieser schrecklichen Geisel und schenke uns und unserer Welt deinen Frieden-Schalom! Amen.
Ägidius Zsifkovics
Bischof von Eisenstadt