"Europa braucht Hinschauer, Brückenbauer und Friedensstifter"
Luxemburg/Eisenstadt, 10. Mai 2026 – Im Rahmen der traditionellen Muttergottesoktav in Luxemburg – der jährlichen Wallfahrt zur "Trösterin der Betrübten" in der Kathedrale Unserer Lieben Frau – hielt Dr. Ägidius J. Zsifkovics, Bischof von Eisenstadt, am 10. Mai 2026 auf Einladung von Jean-Claude Kardinal Hollerich die Festpredigt. Das diesjährige Motto der Oktav lautet: "Menschsein heute, im hier und jetzt."
In seiner Predigt nutzte Zsifkovics den zeitlichen Zusammenhang mit dem Europatag (9. Mai), um einen eindringlichen Appell für europäische Werte und Menschlichkeit zu formulieren. Neben vielen Landes- und Stadtpolitikern hat auch der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an der traditionellen Wallfahrt teilgenommen. Gemeinsam mit den Pilger:innen aus Luxemburg haben auch zahlreiche Pilger:innen aus anderen Ländern – besonders aus Kevelaer – an der Messe und der Prozession teilgenommen. Die Muttergottes Trösterin der Betrübten strahlt also über den luxemburgischen Raum hinaus.
Bischof Zsifkovics übergab dem Kardinal am Ende der Messe das Martinskreuz, in welches ein Stück Eisen aus dem Eisernen Vorhang eingearbeitet wurde. Bischof und Kardinal legten es gemeinsam als Votivgabe der Muttergottes am Altar hin.
Ein Fest mit europäischer Botschaft
Luxemburg feiert den 9. Mai, den Europatag, als gesetzlichen Feiertag – eine Besonderheit, die Bischof Zsifkovics in seiner Predigt ausdrücklich würdigte. Für ihn ist der Europatag mehr als ein historisches Datum: Er erinnert an die Grundwerte, auf denen die Europäische Union gründet und die das jüdisch-christliche Erbe Europas widerspiegeln – Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Versöhnung und Solidarität.
"Wie schön, dass der Europatag hier in Luxemburg sogar ein Feiertag ist, der uns daran erinnert", so Zsifkovics. Angesichts wachsender Spaltung, Populismus und Fremdenhass in Europa mahnte er zum Hinschauen und Handeln: Die Kirchen seien mitverantwortlich für den Zusammenhalt des gemeinsamen Hauses Europa. Bischof Ägidius würde sich wünschen, dass der Europatag auch bei uns in Österreich und in den anderen EU-Mitgliedstaaten ein Feiertag wäre, als ein wichtiges Zeichen des Zusammenwachsens und einer gemeinsamen Identität.
Drei Haltungen für ein gelingendes Menschsein
Am Vorbild Marias entfaltete Zsifkovics drei Grundhaltungen, die er als wesentlich für das Christsein und Menschsein heute bezeichnete:
Hören: In einer von digitalen Reizen übersättigten Welt brauche es die Fähigkeit zum echten Zuhören – auf Gott, sein Wort und auf die Mitmenschen. Der synodale Prozess der Kirche unter Papst Franziskus sei ein Aufruf, diese Haltung zu erneuern.
Hinschauen: Wegschauen sei bequemer – aber keine christliche Option. Als Vorbild nannte Zsifkovics Maria bei der Hochzeit zu Kana: Durch ihr aufmerksames Hinschauen konnte sie dem Brautpaar in der Not helfen und so zur "Trösterin der Betrübten" werden. Diese Haltung sei heute in Europa besonders gefragt: beim Schutz des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod ebenso wie beim Einsatz für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Vorurteile, Hetze und Fremdenhass seien auf dem Vormarsch – Populisten und Demagogen nützten "einfache Lösungen", um Menschen für ihre Ideologien zu gewinnen. Dem müsse die Kirche mit dem Eintreten für die Werte entgegentreten, die Europa tragen: Freiheit, Frieden, Versöhnung und Solidarität. Auch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zerstörten das friedliche Miteinander, das Europa seit 81 Jahren kenne. Zsifkovics schloss sich daher dem Friedensappell von Papst Leo XIV. an: "Schluss mit dem Krieg – Haltet ein – Krieg ist ein Skandal für die ganze Menschheit!"
Hinausgehen: Christlicher Glaube dränge nach außen, zu den Menschen hin. In Anlehnung an den kürzlich verstorbenen Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, rief Zsifkovics die "Werke der Barmherzigkeit" ins Gedächtnis – neu übersetzt für die Gegenwart: Zugehörigkeit statt Ausgrenzung, Zuhören statt Gleichgültigkeit, Wahrheit statt Fake News, Solidarität statt Egoismus.
Verbindung zwischen Eisenstadt und Luxemburg
Bischof Zsifkovics folgte der Einladung von Jean-Claude Kardinal Hollerich, mit dem ihn eine gewachsene Verbindung verbindet: 2022 hatte der Kardinal gemeinsam mit Zsifkovics das Fest des Diözesan- und Landespatrons des hl. Martin von Tours im Eisenstädter Martinsdom gefeiert. Beide Dome beherbergen zudem ein Gnadenbild der "Trösterin der Betrübten" – eine gemeinsame spirituelle Wurzel, die die Erzdizözese Luxemburg und die Diözese Eisenstadt seit Langem verbindet.