Heute wählen leider zu viele die Anpassung
Gelungener Auftakt und großes Publikumsinteresse für das neue Bildungsformat "Den Blick weiten. Literarische Zukunftsgespräche": Gemeinsam mit dem Forum Katholischer Erwachsenenbildung der Diözese Eisenstadt lud Dr. Lukas Pallitsch erstmals zu einem Literarischen Zukunftsgespräch ins Weinwerk in Neusiedl am See ein.
"Judas steht für Verräter. Man wird aber auch heute rasch zum Verräter, weil man etwas Abweichendes denkt und tut. Heute wählen leider zu viele die Anpassung." Mit diesen Worten brachte Prof. Martin Jäggle beim literarischen Zukunftsgespräch am 16. Februar 2026 im Weinwerk Neusiedl die Aktualität des Abends auf den Punkt. Mehr als 100 Besucherinnen und Besucher waren gekommen, um mit Gastgeber Dr. Lukas Pallitsch PhD über den Roman Judas von Amos Oz ins Gespräch zu kommen.
Vielschichtige Figur statt eindimensionaler Verräter
Zunächst führte Lukas Pallitsch inhaltlich in den Roman ein. Darauf folgte ein knappes Statement von Jäggle, ehe beide miteinander auf der Bühne ins Gespräch kamen. Im Zentrum stand die Frage, wie Judas in diesem Roman, aber auch heute zu lesen ist. Hier waren sich die beiden Theologen einig: Judas sei auf Grundlage des Romans kein eindimensionaler Verräter, sondern als vielschichtige, tragische Figur – ja möglichweise der erste Christ, der tiefer an Jesus glaubte als alle anderen. Gleichwohl bezeichnete Amos Oz Judas als das "Tschernobyl des Antisemitismus" – eine eindringliche Metapher für die verhängnisvolle Wirkungsgeschichte einer Deutung, die über Jahrhunderte hinweg zur Stigmatisierung des Judentums beitrug – auch von christlicher Seite. Hier bestehe Bildungsbedarf.
Das Gespräch weitete den Blick auch auf Jesus aus jüdischer Perspektive sowie auf die politische Dimension des Romans. Anhand der Figur Schealtiel Abrabanel – Gegenspieler Ben Gurions und leidenschaftlicher Verfechter des Dialogs – wurde über den Staat Israel, über antisemitische Denkmuster und über die bleibende Herausforderung gegenseitiger Anerkennung diskutiert. Deutlich wurde: Wer heute Israels Existenzrecht infrage stellt, bedient – bewusst oder unbewusst – antisemitische Argumentationsmuster. Einfache Antworten biete aber auch der Roman nicht.
Jüdische Perspektiven und politische Dimensionen
Die lebendige Diskussion und zahlreiche Publikumsfragen zeigten das große Interesse an differenzierter Auseinandersetzung. Pallitsch versteht das Format bewusst als Einladung zur intellektuellen Herausforderung: "Das Wort Provokation heißt ja Herausforderung. Mit dem Format möchten wir bewusst dazu einladen, heikle und herausfordernde Themen verständlich und klar, aber dennoch textnah aufzubereiten."
Die Reihe wird fortgesetzt – und bleibt anspruchsvoll: "Herausfordernd wird es übrigens auch das nächste Mal, wenn es um das Thema des Missbrauchs gehen wird." Die gelungene Auftaktveranstaltung machte deutlich: Literatur kann Horizonte öffnen – und Räume schaffen, in denen Dialog möglich bleibt.
Details zu den Referenten
Dr. Lukas Pallitsch, PhD, Literaturwissenschaftler, Theologe und Universitätsassistent (Post-Doc) für Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien
Prof. Dr. Martin Jäggle, em. Universitätsprofessor für Religionspädagogik und Katechetik, Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.