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08.11.2019
Diözese Eisenstadt / Diözesanjubiläum / Erinnerungskultur / Novemberpogrome / Jüdisches Leben / Neuer Antijudaismus
Christen und Juden im Burgenland: Jubiläum und Gedenken im Jahr 2020
Diözesanjubiläum im Burgenland soll auch kollektive Erinnerungslücken füllen – Zsifkovics ein Jahr nach Ökumenischem Hirtenbrief zu Novemberpogromen: "Nicht einfach zur Tagesordnung übergehen!"

Bedeutung des Gedenkens: Bischof Zsifkovics an der Klagemauer in Jerusalem im Jahr 2014
© Gerald Gossmann

Eisenstadt – Das im November begonnene Eisenstädter Diözesanjubiläum will auch die Erinnerungskultur im Burgenland stärken. In dem vor einem Jahr veröffentlichten Ökumenischen Hirtenbrief, den Bischof Ägidius J. Zsifkovics und Superintendent Manfred Koch im Blick auf den "Anschluss" 1938 und die Novemberpogrome unterzeichneten, rufen die Kirchen ausdrücklich zu einer kritischen Erinnerungskultur und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie mit Fragen der Schuld und Mitschuld an den damaligen Verbrechen auf.

Ein Jahr Ökumenischer Hirtenbrief zu Novemberpogromen: "Blutende Wunde"
Auch das neue Burgenländische Jahrbuch 2020, das "martinus"-Chefredakteur Franz Josef Rupprecht zusammengestellt hat und das ab Mitte November erworben werden kann, thematisiert den Hirtenbrief und zeigt Hintergründe dazu auf. Der ökumenische Brief von 2018 fordert die Gemeinden des Burgenlandes auf, sich der eigenen Geschichte zu stellen und der "Diskriminierten, Verfolgten, Ermordeten" zu gedenken – durch "Zeichen der Reue und Aufarbeitung im öffentlichen Raum", wie etwa Mahnmale. Zugleich wird jenen Gemeinden gedankt, die solche Schritte bereits gesetzt haben.
Das Burgenland kann im kommenden Jahr aber auch an den 350. Jahrestag des Beginns der planmäßigen Ansiedlung der Juden in den Esterházyschen Sieben-Gemeinden (Schewa Kehilot) erinnern. 268 Jahre später gingen diese Gemeinden tragisch im Zuge der Verfolgung durch das NS-Regime unter.

Eisenstädter Bischof: Auch burgenländische Erinnerungskultur "ausbaufähig"
Bischof Zsifkovics ermahnt im Hintergrundgespräch zu Wachsamkeit: "Die Überreste jüdischen Lebens im Burgenland sind eine nach wie vor klaffende und blutende Wunde in der gesellschaftlichen Realität Pannoniens. Wir dürfen nicht glauben, dass es genügt, an die Novemberpogrome und andere Abscheulichkeiten termingerecht zu erinnern und dann wieder zur Tagesordnung übergehen zu können. So erkenne ich ein Jahr nach dem 80-Jahre-Gedenken der Novemberpogrome in einigen Gemeinden des Burgenlands, wo einst jüdisches Leben zu Hause gewesen ist, einen Willen zur Erinnerung und zu entsprechenden Mahnmalen, der, höflich gesagt, durchaus noch ausbaufähig ist. Vor dem Hintergrund eines in vielen Gesellschaften wieder erstarkenden Antijudaismus ist das für mich beunruhigend und beschämend".

Diözesansprecher Orieschnig: Martinsfest auch schmerzhafte Erinnerung an christliches Versagen
Wie der Pressesprecher der Diözese Eisenstadt, Dr. Dominik Orieschnig, betont, kann als ein "gutes Zeichen für die nachkonziliare Neuorientierung der Kirche" im Blick auf ihre Wurzeln und auf ihre "älteren Brüder" gedeutet werden, dass "an den gleichen Novembertagen, an denen des Heiligen der Barmherzigkeit, Martin, gedacht wird, jedes Jahr von christlichen Gemeinden auch an das Versagen von Mitmenschen" – Stichwort Novemberpogrome 1938 – erinnert wird. Bei den Pogromen waren Dutzende Synagogen angezündet und Dutzende österreichische Juden ermordet worden.
Heuer leitet Bischof Michael Chalupka (ev. A.B.) den großen Ökumenischen Gedenkgottesdienst in Wien (am 9. November). Im Vorjahr hatte Bischof Zsifkovics ein eindrucksvolles Gebet zum 9. November in der Eisenstädter Wertheimersynagoge gesprochen. 

Ägidius J. Zsifkovics, Arie Folger und Manfred Koch bei der Präsentation des Ökumenischen Hirtenbriefes im November 2018
© kathbild.at/Franz Josef Rupprecht

Juden als unverzichtbarer Teil burgenländischer Kultur
Die ersten jüdischen Siedler gab es im Burgenland schon im 14. Jahrhundert. Doch das jüdische Leben erblühte in den Dörfern erst, als Fürst Paul I. Esterhazy (1635-1713) vor 350 Jahren 3.000 Juden aufnahm, die wegen der von Kaiser Leopold im Jahr 1670 verfügten Enteignung und Vertreibung  – "Zweite Geserah" (die erste fand 1420 statt) – aus Wien fliehen mussten. Rund 3.000 Personen, die sich zum orthodoxen Judentum bekannten, erhielten in den "Sieben-Gemeinden" das Ansiedlungsrecht. Die Gebildetsten unter ihnen lebten in Mattersburg und Deutschkreutz, wo sich bedeutende Lehranstalten (Jeschiwot) befanden.

Erinnerungsleistungen jüngerer kirchlicher und politischer Geschichte
Ebenfalls ins Diözesanjubiläum hineingenommen werden kann ein jüdisch-christlicher Meilenstein für die Regionalgeschichte, aber weit darüber hinaus: Es war vor 50 Jahren, im Herbst 1969 und kurz vor dem 300-Jahr-Jubiläum der "Sieben-Gemeinden", als der Plan des Bibelwerks-Präsidenten Prof. Kurt Schubert (1923-2007) zur Errichtung eines jüdischen Museums in Eisenstadt konkrete Formen annahm.
Kurt Schubert war 1938 bis 1945 im österreichischen katholischen Widerstand der Gruppe um Prälat Karl Strobl engagiert. Er wurde dann Pionier und Doyen der Judaistik im deutschsprachigen Raum. Die politische Initiative kam vom damaligen Landesrat für Kultur und späteren Bundeskanzler Fred Sinowatz. Er war dann später, von 1999 bis zu seinem Tod im Jahr 2008, Präsident des Vereins "Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt".

Eisenstadt hatte erstes jüdisches Museum nach 1945
Das Museum wurde 1972 als erstes jüdisches Museum in Österreich nach 1945 eröffnet. Das Österreichische Jüdische Museum hatte das große Glück, sich in einem historischen Gebäude der ehemaligen Judengasse von Eisenstadt einrichten zu können. Es befindet sich im "Wertheimer'schen Freihaus", somit in einem Gebäude, das jahrhundertelang ein wichtiges Haus in der großen jüdischen Gemeinde war.
Prof. Schubert ist auch die von Kardinal Schönborn im Oktober 1998 eingeweihte Gedenktafel auf dem Judenplatz in Wien mitzuverdanken. Sie enthält ein Eingeständnis des christlichen Versagens angesichts der Ermordung der europäischen Juden und nimmt Bezug auf die "Erste Geserah" vor aktuell genau 700 Jahren (1419-1421), die mit der grausamen Verbrennung der Nicht-Taufwilligen auf dem Scheiterhaufen geendet hatte.

Christliche "Hasspredigten" des Mittelalters und neue Gefahren des Antijudaismus
Dem schrecklichen Akt vorangegangen war – so die Theologen und Historiker Martin Jäggle (Präsident des christlich-jüdischen Koordinierungsausschusses), Birgit Wiedl, Eveline Brugger, Markus Himmelbauer, Wolfgang Treitler, Regina Polak, Agnethe Siquans und Regina Pollak bei einem kürzlich abgehaltenem Studientag an der Wiener Katholisch–Theologischen Fakultät – eine massive Ausbreitung antijüdischer Stereotype in der kirchlichen Verkündigung mithilfe einer theologischen Lehrtätigkeit, die zum Hass aufstachelte. Ähnliches hatte sich auch während der Kreuzzüge ereignet. In einer von Brigitte Krautgartner (ORF) moderierten Diskussion bei dem Studientag wurde herausgearbeitet, dass Antisemitismus eine aktuelle Gefahr geblieben ist und auch entscheidende theologische Antworten fordert. Die Pastoral sei gefordert, die bereits erzielten Einsichten in den Gemeinden wirklich zur Geltung zu bringen. Die Theologie wiederum müsse sich bemühen, die Diskrepanz zwischen einer nachkonziliaren Offenheit für das Judentum und einer mitunter problematischen Lehrtradition im Blick auf das Volk Israel zu überwinden.

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