Esoterische "Heilung"
Das Angebot alternativer Lebenshilfe ist enorm. Allein in Deutschland werden jährlich rund 130 Milliarden Schilling nur für einschlägige Bücher ausgegeben! Die Wurzeln der Esoterik gehen auf den Psychoboom der Siebzigerjahre und auf die New-Age-Bewegung der Achtzigerjahre des letzten (20.) Jahrhunderts zurück. Das Wort selbst stammt vom griechischen "esoterikós" und meint "zum inneren Kreis gehörend". Es gibt zwei "Quellen" der Esoterik: die klassische Esoterik wie Mysterienkulte der Antike, Hermetik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum, *) etc. und die gegenwärtige Esoterik des abendländischen Okkultismus (Medien, Channeling, Tarotkarten) *), der hinduistischen oder buddhistischen Methoden (Yoga, Zen) *) und der Praktiken von Naturreligionen. Es handelt sich dabei um eine durchaus marktorientierte Bewegung von Therapie- und Lebenshilfekonzepten. Neu ist das Anwachsen esoterischer Erfolgsprogramme in der Wirtschaft. Was bislang in alternativen Zirkeln und New-Age-Zentren zur Bewusstseinserweiterung diente, wird nunmehr von Erfolgstrainern auf das Milieu der Manager übertragen.
IdeenweltDa esoterische Therapien Lebenshilfe, Sinngebung und Seelenführung in einem sein wollen, gehört religiöse Belehrung mit dazu. Und hier wird es interessant. Wie sieht die religiöse Ideenwelt, mit denen die Klienten konfrontiert werden, aus?
Das Gottesbild ist ein unpersönliches und ungeschichtlich. Es wird von einem kosmischen Bewusstsein gesprochen, vom Ursprung des Geistes, von Lichtenergie, usw. Das persönliche Gottesbild der Bibel (Vater, Schöpfer) wird als naiv angesehen. Das Gebet hat keine esoterische Entsprechung. Auch der Begriff "Jüngstes Gericht" existiert in der esoterischen Vorstellung nicht.
Der "Heilsweg" der Esoterik sieht das Ziel der menschlichen Existenz in der Entwicklung des Bewusstseins zum Göttlichen und Absoluten hin. Dieser "Heilsweg" steht im Gegensatz zur christlichen Hoffnung, die der Gemeinschaft der Glaubenden gilt. Beim esoterischen Weg handelt es sich um einen Heils-Individualismus.
Das Bewusstsein (der Geist) des Menschen ist zwar nach esoterischer Auffassung auch unsterblich, aber er bekleidet sich immer wieder mit einem neuen Körper, erlebt also viele Reinkarnationen, die zur Höherentwicklung des Bewusstseins genutzt werden können.
Das menschliche Bewusstsein ist der Materie übergeordnet und deshalb Ursache des persönlichen Befindens, Ursache von Krankheiten, Krisen und Sorgen (sogar Geldproblemen). "Der Mensch ist der Schöpfer seines Lebens" ist ein esoterischer Grundsatz. Damit lädt man sich allerdings eine schwere Last auf, die aus christlicher Sicht so nicht akzeptiert werden kann.
MethodenBei der Fülle an Angeboten lassen sich einige Quellen unterscheiden, aus denen esoterische Therapien schöpfen:
Methoden aus der Psychotherapie, der Humanistischen Psychologie, der Körpertherapie, der Hypnose- und Kurztherapie und aus der Gruppendynamik;
Methoden aus der westlichen Alternativmedizin wie Positives Denken, Neurolinguistisches Programmieren, Kinesiologie, Bachblüten, Edelstein-Therapie, Fußreflexzonen-Massage, Pendeln, Wünschelruten, Erdstrahlen-Abschirmung, *) etc.;
Methoden der östlichen Traditionsmedizin wie Ayurveda aus Indien, tibetische Medizin, chinesische Medizin mit Akupunktur und Tai Chi; *)
Methoden des westlichen Okkultismus, vor allem des Spiritismus wie der Trance-Techniken oder Channeling und des sogenannten Geistheilens; Methoden der Astrologie wie z.B. Erstellen von Horoskopen, Hellsehen und anderen Deute-Techniken wie Tarot, Kristallkugel-Sehen oder Kartenlegen; *)
eine Auswahl von Meditations- und Ekstase-Techniken und Heilungsritualen aus fernöstlichen Religionen, aus dem Hinduismus wie Yoga oder Transzendentale Meditation, aus dem tibetischen Buddhismus und zum Teil aus fernöstlichen Neureligionen (Reiki); *)
Methoden aus (angeblichen) Naturreligionen, die für bestimmte Bedürfnisse zugeschnitten und verändert werden, wie z.B. Schamanismus aus Sibirien, das Medizinrad aus der Indianer-Spiritualität oder Schwitzhütten der Pueblo-Indianer *) usw.
Was führt dazu?Sehr oft führt der Leidensdruck einer Krankheit und eine Enttäuschung über eine nicht befriedigende fachliche Behandlung zum Einstieg in eine esoterische Therapie. Die Erfahrung zeigt, dass die Zufriedenheit der Klienten esoterischer Therapien sehr hoch ist. Dies dürfte auf die "Einheit" von religiöser Belehrung und Therapie in der Esoterik zurückzuführen sein. Die Menschen suchen Lebenshilfe und Sinn aus einer Hand, und wer dieser Sehnsucht entgegenkommt, der findet wohl auch Zustimmung. Wer klagt noch über Rückenschmerzen, wenn er eine "neue Harmonie mit dem Kosmos" erlebt? Beispiele zeigen jedoch gravierende Kunstfehler durch mangelnde Ausbildung, aber auch durch Missbrauch von Klienten. Heilsversprechen können trotz allem in der Esoterik oft nicht eingelöst werden. Die Anziehungskraft esoterischer Therapien beruht auch darauf, dass sie übernatürliche Hilfe für persönliches Leid versprechen.
Theologische AntwortTheologie und Religion wissen um die Unterscheidung von Heilung und Heil. Heil und Heilung, Mitarbeiterschaft des Menschen und Tun Gottes, lassen sich nicht zu einer Therapiemethode verbinden. "Heil kann sein, wo keine Heilung ist. Heilung kann sein, wo kein Heil ist. Heil ist – manchmal – verborgen, Heilung ist stets vorzeigbar. Heilung ist aktiv machbar, Heil hingegen passiv erfahrbar. Heil unterbricht alltägliche Erfahrungen, Heilung hingegen verbessert und steigert sie. Heilung gehört, christlich verstanden, in den Bereich der Schöpfung, wo Menschen Mitarbeiter Gottes sind. Heil gehört in den Bereich der Erlösung, die noch aussteht und sich in der Schöpfungswirklichkeit nur gleichnishaft und gebrochen zur Erfahrung bringt." (Nüchtern, 1997) Die Hilfe Gottes ist nicht verfügbar. Sie kann nach christlicher Auffassung nur erbeten werden. Man kann also als "fachlicher Helfer" im Auftrag Gottes handeln, man kann auch mit Gottes Hilfe rechnen, aber man kann Gott nicht therapeutisch benutzen. Wo es um das Heil geht, haben Machbarkeits- und Erfolgsdenken keinen Platz. Insofern stehen esoterische Therapien unter dem Verdacht des Realitätsverlustes. Die Erfahrungen, die Menschen dabei machen, Heilungen, Lebenswenden, veränderte Bewusstseinszustände oder Erkenntnisse, brauchen deshalb nicht bestritten werden, aber sie erhalten aus christlicher Sicht eine andere Deutung. Die esoterische Überzeugung, dass "Beten funktioniert", hilft selten, sich in der Krankheit der Liebe und Nähe Gottes anzuvertrauen. Wozu auch, wenn das eigene Tun funktioniert? Problematisch ist deshalb der Versuch, Esoterik als Glaubenshilfe zu verstehen. Der Esoterik-Betrieb ist ein sehr menschlicher. Man sollte sich durch seine hochtrabenden Ansprüche nicht blenden lassen. Die Schere zwischen Wort und Tat klafft oft weit auseinander.
Biblisches HeilenDie Heilungen Jesu sind Zeichen des Heils. Sie machen sichtbar, dass "das Reich Gottes nahe ist". Dabei lassen sich natürliche und übernatürliche Ursachen von Leid, Tod, Konflikten und Krankheiten im biblischen Denken nicht trennen. Jede Hilfe hat mit dem kommenden Reich Gottes zu tun.
Was ist also von esoterischem Heilen zu halten?Die Weltanschauung des Menschen besteht zu 5% aus Argumenten, zu 95% aus Atmosphäre. Über Argumente kann man sachlich reden, aber wie soll man der "Atmosphäre" begegnen? Schnell gehen die Emotionen hoch, wenn über Alternativmedizin, Erziehungsmethoden und diverse Fitnessübungen gesprochen wird. Es ist schwer, mit Argumenten über die Haltlosigkeit oder Fragwürdigkeit von Homöopathie oder Bach-Blütentherapie oder Hildegard-Medizin etwas zu sagen. Schließlich ist dieser Sektor auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Das esoterische Angebot ist laut und marktschreierisch überall präsent. Viele Christen öffnen sich diesen Ideen und Praktiken auch deshalb, weil sie wenig über das entscheidend Christliche wissen. Es fehlt ihnen vielfach ein klares Bewusstsein ihrer Identität. Und es fehlt auch ein christliches Angebot. Für die Kirche war es ein langer und schmerzhafter Prozess, sich von der Vorstellung zu lösen, mit ihrem religiösen Wissen auch das Wissen über die Naturgesetze dominieren zu können. Aber sie hat gelernt, dass es unterschiedliche Lebensbereiche gibt, Bereiche, für die sie zuständig ist und Bereiche, für die andere, z.B. die Medizin, zuständig sind. Die Vertreter der Esoterik bieten weiterhin Geheimwissen an, in dem sie überprüfbare und nicht überprüfbare Erkenntnisse aus unterschiedlichen Lebensbereichen zusammenfügen. Es ist interessant zu beobachten, wie in unserer Gesellschaft die rationalen Grundlagen im Schwinden begriffen sind. Es sind die Sehnsüchte der Menschen, ihr Streben nach Glück und Sinn, die sie zu esoterischen Angeboten führen. Hier bietet sich ein reiches Betätigungsfeld für kirchliche Bildungsarbeit. Gefragt ist das Gottesverständnis, das Verständnis von Jesus Christus, wenn die Esoterik sich auf ihn bezieht, gefragt ist das Menschenbild, das Verständnis von Erlösung, Leben und Tod. Esoterische Angebote erfordern eine inhaltliche Auseinandersetzung auf der Basis des christlichen Glaubens. Um diese Auseinandersetzung wird man nicht herumkommen.
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